
Das richtige Biergefäss
Das richtige Biergefäss Man kann die Meinung vertreten, es sei egal, aus welchen Gefässen man Bier trink. Bier bleibt Bier, und die Art der Gefässe habe nicht den geringsten Einfluss auf den Geschmack des Bieres oder auf den Genuss, den das Trinken bereitet.
Die alten Germanen tranken ihr Bier aus den Hörnern der Auerochsen, weil diese als Trinkgefässe nach dem Schlachten der Tiere schon zur Hand waren. Wenn gekrönte Häupter, Könige und Fürsten, prunkvolle Pokale aus Gold und Silber bevorzugten, so nur in der Absicht, Glanz und Bedeutung ihres Standes zur Schau zu stellen. Und dem armen Volke, das sich mit Bechern aus Ton und Holz begnügte, würde das Bier in reichgeschmückten Pokalen kaum besser munden.
Man kann aber auch anderer Meinung sein. Blickt man zurück auf die Vielfalt der Trinkgefässe, die im Laufe der Jahrhunderte zum Biertrinken einluden, und an die Auswahl an Gläsern, Krügen und Bechern, die heute zum Bierausschank dienen, so ergibt sich, dass die Unterschiede nicht allein auf zufällige, modische Richtungen zurückzuführen sind. Form, Grösse und Material der Gefässe wurden sowohl von Sitten und Gebräuchen der Zeit wie auch aufgrund praktischer Erfordernisse beeinflusst. Im 16. und 17. Jahrhundert hatte man besondere Freude am Essen und Trinken. Die Folge davon war, dass man die Becher und Humpen nicht gross genug machen konnte. Die Kannengiesser, Töpfer und Glasbläser nahmen sich alle Mühe, den monströsen Gefässen bizarre und ausgefallene Formen zu geben. So konnte jeder Bierliebhaber nach dem Spruch "Am Becher erkennt man den Zecher" seine Wahl treffen. Meist wurden die Gefässe mit Deckeln versehen, oft auch reich bemalt und mit mehr oder weniger sinnigen Sprüchen verziert. In unseren Tagen gelten solche alte Trinkgefässe als Museumsstücke und werden von Sammlern teuer bezahlt.
Heute ist die Auswahl an Gläsern, Bechern und Trinkkrügen immer noch recht umfangreich, und man kann sagen, dass jede der einzelnen Formen und Ausführungen dem Bierliebhaber besondere Vorteile bietet und den jeweiligen Trinkgelegenheiten mehr oder weniger angepasst ist.
Am gebräuchlichsten ist das einfache Bierglas, wobei das Auge mittrinken und sich an der Farbe des Bieres erfreuen kann. Man unterscheidet Stangen, die in Gaststätten sehr beliebt sind, und den altbewährten Becher, der widerstandsfähig, preiswert und leicht zu reinigen ist. In Stangen, die nach oben hin etwas enger werden, bildet sich die Schaumkrone besonders schön, da beim Einschenken der Schaum ein wenig zusammengedrängt wird. Manche Gläser versieht man mit einem dicken, schweren Glasboden, damit sie einen guten Stand haben. Die Stangen werden für Spezialbiere verwendet, die Becher für Lagerbiere.
Recht hübsch und zum Bierkredenzen wie gemacht sind die mit Stiel und Fuss versehenen Kelche und Tulpengläser, die sich für den Ausschank von Spezialbieren und Spezialitäten ganz besonders gut eigenen.
Der alte graue Steingutkrug kommt heute hie und da auch wieder zu Ehren. Es gibt ihn mit und ohne Deckel. In ihm bleibt das Bier länger kühl als im Glas. Der in Bayern immer noch anzutreffende Literkrug, dort als "Mass" bezeichnet, dürfte aber für unsere Trinksitten wohl etwas zu gross sein. Ein besonderer Vorteil der Krüge liegt in der rauhen Glasur des Steingutes, die eine üppige Schaumkrone entstehen lässt. Nachteilig ist, dass man das Bier darin nicht sehen kann.
Mancher trinkt sein Bier besonders gerne aus dem breiten, behäbigen Glaskrug, auch "Kübeli" genannt. Da dieser Krug einen guten Stand hat, dürfte er von temperamentvollen Kartenspielern bevorzugt werden.
Wenig bekannt ist die Tatsache, dass das Material der Trinkgefässe einen Einfluss auf den Geschmack des Bieres ausüben kann. So erhält das aus Zinnkrügen und Zinnbechern getrunkene Bier einen eigenen Geschmack und Geruch, an den man sich zuerst gewöhnen muss. Wer sich einen silbernen Krug leisten kann, wird beobachten, dass das Bier darin länger frisch bleibt. Da Silber ein guter Wärmeleiter ist, empfinden die Lippen am Krugrand die Kühlung, und das Bier schmeckt dadurch noch besser.
Gelegentlich begegnet man noch aus Holz hergestellten Bierhumpen; sie werden heute noch in Schweden als Erinnerung an die alten Zeiten hergestellt. Das Bier darin nimmt den Geruch des Holzes auf, wodurch es einen einzigartigen, harzigen Geschmack erhält, der seine Liebhaber findet.
Wollte man die Übersicht auch auf die Trinkgefässe ausdehnen, welche die bierbrauenden Gebiete des Auslandes für ihre verschiedenen Biere verwenden, so käme man zu keinem Ende. Erwähnt sei hier die "Berliner Weisse", ein obergäriges Bier, das aus halbkugelförmigen Gläsern mit einem Schuss Himbeersaft getrunken wird.
(Text aus Schweizer Bierbuch, Karl Thöne, Fachverlag Schweizer Wirteverband)